Nr. 6

Als Lustobjekt zum Geistesblitz

aus »Reflux«, 2018

Ich saß im ICE und war froh, daß Hannover hinter mir lag. Ich würde nach Hause zurückkehren und die Ruhe genießen. Abkacken. Schluß mit dem Aufwärmen der immer gleichen Geschichten rund um Punk und Chaostage. Denn genau das hatte ich getan.

Das mußte ein Ende haben. Und ich nach vorne schauen. Es war Zeit, mein Geschreibsel der vergangenen Jahre endlich in gedruckte Form zu bringen.

Fragte sich nur in welche. Darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ok, Papier sollte es sein. Und dann ein A5-Heftchen zusammenbasteln, so wie die ersten Hackfleisch-Ausgaben? Mit Adler getippt, zusammengeklebt und kopiert? Oder einen Composer bei eBay ersteigern und den Look der späteren Hefte imitieren?

Roch nach Muff, nach »guter alter Zeit« und offensichtlicher Debilität. Während der Gedanke an ein Computerlayout nur Gähnen bei mir auslöste.

Auf welche Art ich auch immer die Hosen runterließ, anschließend würden Hohn und Spott über mir niedergehen. »Ein peinlicher Mix aus Punk-, Fick- und Schund-Phantasien« würden sie sagen. Voyeure, die mit dem Finger auf mich zeigten und sich vor Lachen schüttelten.

Ich bin kein strahlender Held, Angst ist mir nicht fremd. Die Dinge auf übermorgen zu verschieben, dient auch mir als bewährte Methode, Enttäuschungen aus dem Wege zu gehen. Und Anfeindungen, Schlägereien, Haß. Ich hatte keine Ahnung, ob Hackfleisch jemals erscheinen würde. Glaubte nicht mehr daran, kein Mumm in Sicht.

Häng dem Rotz von gestern nicht nach, sagte ich mir. Ist eben vorbei, was soll’s!

 

Dann geschah es. Ich hatte eine Erscheinung, eine Offenbarung in der Wüste: Wie aus dem Nichts tauchte sie vor mir auf, als der Zug 100 Kilometer von Hamburg entfernt dahinraste.

Ich registrierte zunächst nur einen Hula-Hoop-Reifen, der sich in mein Sichtfeld bewegte. Mein Blick wanderte aufwärts, ich sah eine große, schlanke Frau, Mitte dreißig, die mich mit hochgezogenen Augenbrauen ansah. Gelassen, ein Hauch arrogante Zicke.

»Überall nur Irre im Zug«, sagte sie. »Und kein Sitzplatz mehr frei.«

Wir kamen ins Gespräch. Ich weiß nicht mehr, worüber wir redeten. Nur noch, daß ich nach fünf Minuten dachte: Bitte laß sie in Hamburg wohnen! Bitte, bitte!

»Ich heiße Yasmin und komme aus Dortmund. Ich will ’nen Typen in Hamburg besuchen, in den ich total verknallt bin.«

So ein Scheiß!

 

Wir stiegen am Hamburger Hauptbahnhof aus und umarmten uns zum Abschied. Yasmin gab mir ihre Telefonnummer. Ich nahm die nächste S-Bahn, setzte mich. Glotzte aus dem Fenster ins dunkle Nichts des Bahntunnels. Existierte nicht mehr.

Irgendwann bemerkte ich eine Gruppe junger Frauen im Häschenkostüm. Bunnys, die die Fahrgäste ansprachen. Alles klar, dachte ich. Schon wieder so ein kack Junggesellenabschied. Verdammte Seuche!

Eine Frau auf dem Sitz mir gegenüber – ich hatte sie bislang nicht beachtet - beugte sich ein Stück vor. »Schau doch nicht so griesgrämig«, sagte sie. »Gib den Mädels einen Euro, und du kriegst ’nen Kuß!«

Ich schaute genauer hin: Sie schien die Siebzig deutlich überschritten zu haben, ein rundes, altes Weib mit ausladendem Busen und viel Schminke im Gesicht, die glänzenden, grauen Haare zu einer feschen Bob-Frisur gestylt. Sie wollte nicht alt sein, daran ließ sie keinen Zweifel.

»Ok«, willigte ich ein. »Ein Kuß für ’nen Euro. Das brauche ich jetzt.«

Die Bob-Omi winkte die Bunnys heran.

»Der junge Mann hier will ’nen Kuß«, sagte sie.

Ein Bunny, wohl die Noch-Junggesellin, setzte sich auf den freien Platz neben mir. »Das macht zwei Euro.«

»Hey, es war aber ein Euro ausgemacht!«

»Jetzt stell dich nicht so an!«, mischte sich die Alte ein. »Rück einfach die zwei Euro raus und dann … gebe ich dir ’nen Kuß!«

Hm. Ich zögerte. Sie war alt. Dick. Cool. Ich zog zwei Euro aus der Tasche. Das alte, dicke, coole Weib beugte sich vor, ich schloß die Augen. Spürte ihre Lippen. Ihre Zunge, die mit aller Macht in meinem Mund drängte. Ich hatte nichts anderes erwartet.

Wir ließen eine Weile unsere Zungen kreisen, dann war es vorbei. Als wir uns voneinander lösten und ich die Augen öffnete, begannen die Bunnys zu kreischen. Einige hatte ihre Handys gezückt.

»Das ging viel zu schnell! Wir wollen das fotografieren!«, rief eines der Häschen.

»Gut«, sagte die Alte. »Dann noch mal!« Riß mich an sich, das Schauspiel wiederholte sich. Vollbrett Zunge, diesmal doppelt so lange. Ich hörte die Handykameras klicken. Wahrscheinlich würden die Bilder demnächst bei Facebook oder Instagram auftauchen.

Die Show war gelaufen, an der nächsten Haltestelle stiegen das Bunny-Trüppchen und auch das wilde alte Weib aus. Die Reeperbahn würde weitere Gelegenheiten für Küsse bieten. Vielleicht sogar für die geile Oma.

Die Alte hatte es richtig gemacht. Sie war nicht so dumm, verpaßten Chancen, Sackgassen und Unmöglichkeiten nachzutrauern. Sie hatte zugegriffen, als sich die Gelegenheit bot. Sie wollte leben und nahm sich, was sie brauchte. Ich war das Lustobjekt einer ergrauten Punquette des Alltags gewesen.

Ich zog das iPhone aus der Tasche. Nachricht an Yasmin: BOOM! KLONG! RUMMS! Einschlag registriert, Groschen gefallen, tippte ich. Ich hätte dich niemals gehen lassen dürfen. Ich will dich sehen!

 

Um es kurz zu machen: Es half nichts! Wir verabredeten uns, doch Yasmin tauchte nicht auf. Ich versuchte es noch mal, sie kam eine Stunde zu spät. Erzählte, daß es mit dem anderen Typen nicht lief wie erhofft, sie aber am Ball bleiben wollte. Dann fuhr sie zurück nach Dortmund, das war’s.

Einige Wochen ging ich auf dem Zahnfleisch und zeigte alle Anzeichen einer schweren Liebeserkrankung, danach war es ausgestanden. Dank etlicher Currywürste konnte ich bald wieder halbwegs klar in die Welt schauen. Es war ja nicht wirklich was passiert und ich ganz froh, denn ich fühlte mich lebendig wie lange nicht.

So kam eines zum anderen. Ich schrieb wie im Fieber weiter, Dinge geschahen, ich dachte nach, hackte, träumte, die Tipperei nahm kein Ende. Ich nahm mir das Recht heraus, alles zu Papier zu bringen, was mir einfiel, und kein Internet-Zensor rief HALT DIE FRESSE! Ich fickte die Welt, sie war mein Lustobjekt.

Die Seiten flossen in immer neuen Wellen aus meinen Händen, und eines Tages konnte ich zu meiner Überraschung ENDE in ein Buchmanuskript tippen, dem ich schließlich den Namen SCHLUND gab.

Das Buch war nach einigen Monaten von einem Tag auf den anderen von den Toten auferstanden und hatte gleich noch einen Ableger gezeugt – dieses hier! Weil ich losgelassen hatte und alles in die Maschine hackte, was mir den Sinn kam.

Beim Tanz mit Adler prasselten keine per Internet hingeschissenen Kommentare auf mich nieder, keine Stammelsätze aus der dritten Reihe. Es gab keine Verletzungen durch Leute, die mir nie zuvor begegnet sind und die ich auch nicht kennenlernen will. Ich mußte und muß auch weiterhin nur die Geilheit aufs schnelle Feedback am Online-Hauptbahnhof niederhalten. Dann gibt’s auch keine Probleme mit digitalem HIV, Twitter-Tripper und Facebook-Syphilis.

An der Wand vor mir hängt ein Foto, das mich im Kindergarten zeigt. Ich sitze mit verschränkten Armen am Tisch, im schwarz-weiß-roten Pulli. Ein wenig unsicher, trotzdem optimistisch und voller Neugier. Kann’s gar nicht erwarten, daß es losgeht.

Ich erinnere mich gut an diesen Blick in die Welt, den ich damals hatte, obwohl zuhause Teller und Tassen durch die Luft flogen und ich keine Ahnung hatte, wo ich mich vor dem Untergang verstecken konnte.

Eigentlich ist immer noch alles wie damals in Wuppertal-Eberfeld. Gleich ziehe ich meinen Tarnanzug über und robbe ein bißchen durch die Bude. Vielleicht kitzelt das ja weitere Geistesblitze aus mir heraus. Zum Beispiel darüber, wie es mir gelingen kann, durch die Lande zu fahren, um das von mir fabrizierte Zeugs unter die Leute zu bringen. Um dabei Dinge zu erleben, die nicht nach drei Tage altem Kaffee schmecken, Menschen kennenzulernen, die mir die Sprache verschlagen.

Es muß was gehen, oder? Etwas, das fiesen, subversiven Spaß macht und nicht zum millionsten Mal FCK NZS und Danke Merkel plärrt.

Oder ist Alles Scheiße?

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