Nr. 18

Anruf aus dem Irrenhaus

aus »Reflux«, 2018

Es war Abend. Ich saß allein im Wohnzimmer und las ein Buch. Irgendwann klingelte es, und eine Frau Ende vierzig stand vor der Tür. Ich erkannte sie nicht gleich. Schwere Fettpakete versperrten mir den Blick in die Vergangenheit. Blondierte, hochtoupierte Haare von einst waren einem straßenköterbraunen Schlabberschnitt gewichen. Keine Chance, die einstmals beeindruckendste Punquette des Rheinlands wiederzuerkennen.

Ich stand eine Weile da und wartete auf einen Satz, ein Zeichen.

»Kennst du mich noch? Hannes - ich bin’s, Sally!«, sagte die Frau.

Für einen Moment war ich wie festgefroren, dann gelang es mir, Gedanken und Gefühle zu ordnen. Halbwegs.

»Mit mir hast du nicht gerechnet, was?«, setzte Sally nach. »Darf ich reinkommen?«

Natürlich durfte sie. Sally nahm auf meinem Sofa Platz, während ich in der Küche einen Tee zubereitete. Ich hatte ein paar Minuten, tief durchzuatmen und alles ins Gedächtnis zu rufen, was dort über Sally abgespeichert war.

Fast genau 30 Jahre zuvor hatte ich mit ihr den besten One-Night-Stand meines Lebens. Ich kannte Sally von Konzerten im AJZ Bielefeld, und als sie eines Abends genauso überraschend wie jetzt vor meiner Tür stand und fragte, ob ich einen Pennplatz für sie hätte, da ließ ich sie selbstverständlich rein. Das machte man so in der damaligen Punkszene.

Allerdings war ich nicht in bester Verfassung. Eine mittelschwere Grippe hielt mich in den Fängen, ich hatte den ganzen Tag im Bett verbracht. Und fiel gleich wieder in die Kiste.

Für Sally war das eine schlanke Sache. Sie legte sich zu mir, kuschelte sich ein und nahm, was sie brauchte. In diesem Fall mich.

Ich mußte nicht viel tun. Sally machte die ganze Arbeit, während ich auf dem Rücken lag und vor mich hinfieberte. Als ich kam, trieb der heißeste Abgang seit Menschengedenken mein Fieber auf einen neuen Rekordwert. An viel mehr erinnerte ich mich nicht, zumal Sally am nächsten Morgen recht früh verschwand.

Als wir uns einige Wochen später bei einem Konzert über den Weg liefen, war alles wie immer. Wir unterhielten und verstanden uns, ohne den auf kurze Fickgeschichten oftmals folgenden desaströsen Nachbrenner, der die alte Freundschaft ruiniert.

Gesehen hatte ich Sally zuletzt 1987. Das war kurz nach Bergers Tritt in ihren schwangeren Bauch gewesen - und der Fehlgeburt ein paar Tage später.

Seit der Jahrtausendwende trieb sie sich angeblich in Hamburg rum. Sagte zumindest die Gerüchteküche. Da ich Sallys echten Namen nicht kannte, schenkte ich mir die Recherche ihrer Adresse.

Und nun saß sie in meinem Wohnzimmer und nippte an einer Tasse Schwarztee. Ok, irgendwas in ihrem Gesicht kam mir vertraut vor, aber die Frau vor mir war eine Fremde. Sie starrte mich aus müden, abwesenden Augen an, aber es war nicht das Alter und auch nicht ihr Fett, das mich irritierte. Sally, das Energiebündel, war zu einer aufgequollenen Wachsfigur erstarrt, mit Bewegungen wie unter Wasser.

»Was ist los mit dir, Sally?«, fragte ich schließlich. »Ich erkenne dich kaum wieder. Du bist so ... anders.«

Sally stellte die Tasse zurück auf den Tisch, stand für einen Moment auf.

»Ich weiß, ich bin fett«, sagte sie und griff mit beiden Händen an ihren Po. »Das sind die Medikamente.«

Sie setzte sich wieder in den Ohrensessel und fuhr fort: »Haldol, Psychopharmaka rauf und runter. Ich erkenne mich nicht mehr im Spiegel. Die Schweine haben mein ganzes Leben zerstört. Und vor zwei Stunden bin ich aus der psychiatrischen Abteilung des UKE entlassen worden.«

Ich ahnte Böses. »Das hört sich schlimm an.«

»Ist es auch. Und 'ne verdammt lange Geschichte!«

Und die erzählte sie mir. Nach der Fehlgeburt damals war sie aus allem raus. Kein Punk mehr, keine Konzerte, keinen Bock mehr auf den Freundeskreis, der weiter die Biere schwenkte und keinen Anstoß an Bergers Aktion nahm. Es folgte ein Studium, das sie abbrach, jede Menge Drogen, miese Jobs und 1999 ein überraschendes Erbe. Ihre Tante war gestorben und hatte eine viertelmillion Mark hinterlassen, außerdem eine Eigentumswohnung in Hamburg-Eimsbüttel. Eine gute Gelegenheit für einen Ortswechsel, und Sally nutzte sie.

Sie hätte das Erbe und die damit verbundenen Änderungen in ihrem Leben für einen Neuanfang nutzen können. Um tief durchzuatmen und sich den Dämonen der Vergangenheit zu stellen. Sally trat stattdessen aufs Gaspedal. Suff, Koks, Ecstasy – sie ließ nichts aus und tanzte sich durch die Partys der Stadt. Die Winter verbrachte sie auf Jamaika. Das waren wohltuende Monate. »You are such a beautiful woman«, hauchten ihr knackige Jünglinge ins Ohr, vögelten sie und brachten ansonsten die Kohle durch.

Irgendwann, ihr Konto war längst in den Miesen und Jamaika nicht mehr drin, wurde Sally halbnackt von den Bullen auf der Straße aufgegriffen. Sie hatte tagelang nicht geschlafen, und verwirrt wie sie war, wurde Sally für einige Wochen in der Klapsmühle des UKE geparkt.

Und dann verlor ich den Faden ihrer Geschichte und stieg aus.

»Verstehst du nicht, der Ätzer steckt hinter allem«, versuchte sie zu erklären. »Der hat Schiß um seine Reputation und schmiert den Chefarzt. Damit sie mich bis in alle Ewigkeit mit Medikamenten vollpumpen und mir keiner ein Wort glaubt! Wenn ich auch nur einen Pups lasse, ein klitzekleines Stückchen über die Stränge schlage, dann bin ich sofort wieder drin! So geht das jetzt schon seit drei Jahren! Die stecken alle unter einer Decke!«

Wie stellt man fest, ob jemand die ganz, ganz große Verschwörung aufgedeckt hat - oder schlicht an Verfolgungswahn leidet? Ich war kein Fachmann in solchen Dingen und bewegte mich zwangsläufig auf dünnem Eis.

»Kann ich dir irgendwie helfen?«, versuchte ich mich vor einem klaren Statement zu drücken.

»Ist mir ein bißchen unangenehm ...«, begann Sally zögerlich. »Aber das kannst du tatsächlich. Deshalb bin ich hier, ich kenne in Hamburg ja kaum jemanden außer dir. Aber nachdem die Fotzen mich ins UKE verfrachtet hatten, war plötzlich meine Tasche weg. Mit allem Drum und Dran. Ich habe keinen Ausweis mehr, kein Handy, keine Bankkarte, nichts. Ich kann nicht mal Unterstützung beantragen, ohne mich auszuweisen. Kann ich bei meinen Bruder anrufen? Der rückt bestimmt ein bißchen Kohle raus.«

Ich gab ihr mein Handy, und eine Minute später war Sallys Bruder am Apparat. Oder präziser: ihr Stiefbruder Detlev!

Um es kurz zu machen - das Gespräch war ein Desaster! Die beiden hatten anscheinend bereits eine ganze Wagenladung Porzellan zerdeppert, weshalb Detlev nicht länger der Ausputzer vom Dienst sein wollte und auch nicht die hundert Euro vorstrecken, um die Sally ihn bat. Sie hatte schließlich eine Viertelmillion durchgebracht, während er leer ausgegangen war. Und bei ihrem letzten Kontakt hatte Sally Detlevs Frau unflätig beschimpft und ihn selbst verdächtigt, Geld vom fiesen Ätzer zu nehmen. Irgendwann gab mir Sally den Hörer, und ich versuchte die Wogen zu glätten. Aber da waren alle Friedensbemühungen umsonst.

»Ich liebe meine Schwester, das kannst du mir glauben«, erklärte mir Detlev. »Aber ich bin weder ihr Fußabtreter noch ihre Bank. Weißt du, wie oft ich dieses Gespräch schon geführt habe? Es ändert sich jedes Mal nichts! Oder doch - es wird schlimmer! Ich will nicht mehr. Jetzt soll Sally mal in Vorleistung gehen und ihr Leben in den Griff kriegen. Oder professionelle Hilfe annehmen. Dann sehen wir weiter.«

Damit war das Telefonat beendet, Sally und ich schauten uns ratlos an.

»Magst du mir den Hunni leihen?« Ihr war die Sache sichtlich peinlich. »Damit bezahle ich den neuen Ausweis und komme über die Runden, bis das Amt zahlt.«

Zehn Sekunden später hielt ich zwei Fünfziger in der Hand und überreichte sie ihr.

»Mach dir keinen Kopf«, sagte ich. »Hat keine Eile mit der Rückzahlung. Komm erst mal wieder auf die Beine!«

Ich war froh, so unkompliziert helfen zu können. Glücklicherweise wollte sie mich nicht in ihren Kampf gegen die Große Verschwörung einspannen. Das hätte mich in arge Erklärungsnöte gebracht.

Als Sally meine Wohnung verließ, war ich sicher, ein gutes Werk getan zu haben. Es war ein angehmes Gefühl, kein Arschloch zu sein.

 

Rund zehn Tage später stand Sally wieder auf der Matte. Ich hatte gerade eine neue Folge von 'Shameless' auf die Leinwand geworfen, als sie frisch und gutgelaunt hereinspazierte. Ihre Veränderung war so augenfällig, daß ich sie gleich auf ihre ganz andere, nun sehr lebendige Ausstrahlung ansprach.

»Kein Haldol mehr im Blut, keine Psychopharmaka, also alles gut!«, erklärte sie. »Und außerdem will ich dir dein Geld zurückbringen.« Sie hob zwei Scheine in die Höhe und umarmte mich.

Es war alles gutgegangen. Sally hatte einen neuen Ausweis und ebenso den restlichen Rotz hinter sich gebracht.

»Jetzt werde ich mich darum kümmern, das Lügengespinst des Chefarztes aufzudecken. Und der Ätzer geht mit über die Wupper«, sagte sie.

Dann bemerkte Sally den Lichtstrahl des Beamers, der durch mein abgedunkeltes Wohnzimmer schien.

»Darf ich ein bißchen mitschauen?«

»Klar - wenn du Bock auf eine Serie über einen versoffenen Familienvater und seine gestörten Kinder hast!«

Hatte sie, und so verbrachten wir den Abend zusammen. Irgendwann nach Mitternacht schaltete ich den Beamer aus.

»Kann ich bei dir schlafen?«, fragte Sally.

Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, aber was sollte ich tun? Ihr sagen, daß sie ein paar Schrauben locker hatte? Ich nicht mit ihr ficken wollte? Stattdessen redete ich mir ein, daß Sally einfach nur müde war. Ja, klar ...

Es ist eine Kunst für sich, auf nicht mehr frische, aufgequollene und verbrauchte Subjekte geil zu werden und angesichts menschlichen Verfalls einen harten Schwanz zu kriegen. Kann man dran scheitern. Wenn psychische Schrammen hinzukommen, wird’s brenzlig.

Wir lagen keine fünf Minuten auf dem Hochbett, da hatte Sally bereits mein Stück Fleisch im Mund. Und gut, es tat sich was. Es war dunkel, und mit ein bißchen Phantasie läßt sich einiges in die Gänge bringen. Eine Viertelstunde später ackerte ich auf ihr herum, aber es fühlte sich alles ... falsch an. Ihr von Lust und Wahn verzerrtes Gesicht, die schwitzende Haut, die unangenehm roch und sich anfühlte, als habe sie jemand mit einem Prittstift eingerieben. Ich rödelte wie blöde, ohne jede Chance auf einen Abgang.

Ebenfalls wußte ich nicht, was Sally empfand. Wir redeten nicht, sondern vögelten wie die Fickmaschinen. Und gaben nach einer Stunde erschöpft auf.

Am Morgen danach stieg Sally als erste vom Bett und kümmerte sich gutgelaunt ums Frühstück. Sie nahm die Dinge einfach in die Hand, ohne groß drüber zu labern. In dieser Beziehung war sie immer noch die Alte.

Ich hatte die erste Scheibe Brot mit Gouda intus. Sally stand mit einer Tasse in der Hand am Küchenfenster und blickte nach draußen.

»Übermorgen kriege ich Besuch von einer Ärztin. Sie soll ein Gutachten erstellen, ob ich entmündigt werde oder nicht.«

»Scheiße.«

»Kannst du laut sagen. Ich hätte nicht gedacht, daß der Ätzer so weit geht. Willst du nicht vorbeikommen und mich ein wenig unterstützen?«

»Ich weiß nicht, ob ich das kann. Hinterher sage ich irgendwelchen Mist, und du mußt es ausbaden.«

»Wird nicht passieren. Die will nur wissen, ob ich meinen Alltag in den Griff kriege und soziale Kontakte habe.«

Also gut. Ich versprach Sally, eine Stunde vor dem Besuchstermin bei ihr zu sein. Dann würden wir gemeinsam ihre Bude auf Verdächtiges checken und dafür sorgen, daß die Gutachterin nichts zu beanstanden hatte.

 

Wohnungen, in denen das Chaos regiert, können mich normalerweise nicht schocken. Aus etlichen Jahren Punkrock sind mir Bierflaschensammlungen, verwarzte Küchen und beschmierte Wände bestens vertraut. Aber Sallys Bude schlug alles, was ich bislang gesehen hatte.

Nein, die Wände waren nicht beschmiert. Sondern bis auf den letzten Zentimeter engmaschig mit Filzstift vollgeschrieben. Sollte wohl so eine Art Tagebuch in Kombination mit Dichtung sein. Was ich unterm Strich eher witzig als bedenklich fand.

Wenn nicht die komplette Wohnung mit Kisten, Tüten, Zeitungsstapeln, Klamotten, Spielzeug, Müll und Büchern vollgestellt gewesen wäre, teilweise bis an die Decke.

Die Küche war das Zentrum der Hölle. Darin frische, angebrochene und verbrauchte Lebensmittel, Tüten und Dosen und kein Fitzelchen Platz, meine Umhängetasche abzustellen. Nicht auf Ablagen oder dem Tisch, auch nicht auf dem Boden. Alles voll. Ich hatte keine Ahnung, wie sie es schaffte, sich hier auch nur einen Kaffee zu machen.

Zu allem Überfluß flatterte ein Dutzend Wellensittiche durch die Räume. Besonders im Wohnzimmer lag an zahlreichen Stellen Vogelscheiße; unter den Volieren hatten sich Inseln aus Sand und Dreck gebildet.

»Tut mir leid für die Unordnung, Hannes«, entschuldigte sich Sally. »Aber vor ein paar Wochen ist bei mir eingebrochen worden. Die Wixer haben vom Dachboden alle möglichen Sachen in meine Wohnung geschleppt und auch sonst alles durcheinandergebracht. Die hat der Ätzer geschickt, damit alle denken, daß ich verrückt bin. Dafür wird er büßen!«

Mir war klar, daß es keine gute Idee gewesen wäre, mit Sally über Berger, ihre Wohnung und den Einbruch zu diskutieren. Stattdessen entwarf ich einen Plan.

»Uns bleibt nur eine Stunde, Sally. Keine Chance, die Bude auf Vordermann zu bringen. Wir müssen uns auf das Wichtigste konzentrieren. Hast du Müllsäcke?«

Hatte sie. Ich begann in der Küche. Wie mit dem Schaufelbagger entsorgte ich alles, was auf Flächen und Tisch lagerte. Ganz egal ob Verpackung, verdorben oder eßbar. Dann räumte ich den Boden frei. Anschließend kümmerte ich mich um die Vogelscheiße und das Biotop unter den Käfigen. Die prallgefüllten Müllsäcke schleppte ich auf den Dachboden. Das bot sich an, weil Sally in der obersten Etage wohnte.

Währenddessen räumte sie den Wohnzimmertisch und das Sofa frei. Wenn sie mich nicht zwischendurch mit irgendwelchem Mist vollquatschte. Ich schaltete auf Durchzug und tat meinen Job, und mehr oder weniger pünktlich waren die schlimmsten Auswüchse beseitigt und die Vögel in ihren Käfigen.

Als es schließlich klingelte, war gerade der Tee fertig. Sally legte einen Teller mit Plätzchen auf den Wohnzimmertisch und öffnete die Tür.

Die Gutachterin erwies sich als umgänglich. Sie startete keine Inspektion der Wohnung und mußte nicht auf die Toilette, was ein Glück war. Die hatten wir nämlich vergessen.

Sie wollte nur reden. Als Ärztin hatte sie eine kritische Einstellung zur Psychiatrie, und es wurde schnell klar, daß sie nur nach Gründen suchte, Sally nicht entmündigen zu lassen. Da war es hilfreich, daß Sally nicht allein in der Bude saß, sondern anscheinend über ein soziales Umfeld verfügte. Mich.

Nach einer Stunde verließ die Frau Sallys Wohnung, und ich hatte einen neuen Plan.

»Du mußt damit rechen, daß die Alte irgendwann wiederkommt«, sagte ich. »Oder schlimmer, es kommt jemand anders. Jemand, der dir nicht wohlgesonnen ist.«

»Ja - wenn der Ätzer ...«, setzte Sally an, aber ich unterbrach sie.

»Du hast die Kontrolle über dein Leben verloren, da gibt’s kein Vertun. Ich sehe doch, wie in deinem Kopf die Murmeln hin- und herkullern. Du bist den ganzen Tag allein, und das wird sich solange nicht ändern, wie deine Wohnung ein Schlachtfeld ist. Kannst ja niemanden hier reinlassen, ohne schiefe Blicke zu riskieren. Wenn du zurück ins Leben willst, mußt du das hier alles entschlacken!«

Und machte eine Geste, mit der ich die ganze Wohnung umfaßte.

Sally schwieg einen Moment. Dann lächelte sie und klatschte einige Male in die Hände.

»Du hast recht«, sagte sie. »Und ich mag Klartext. Nicht dieses Psycho-Gelaber, mit Hippiescheiße bekleckert. Wir sind die alten Punks, wir brauchen keine Wattebäuschchen. Was schlägst du vor?«

Ich erklärte es ihr. »Du mußt in deiner Wohnung befreite Zonen einrichten und die dann nach und nach ausweiten!«

Es war eigentlich ganz einfach. In einer Gewaltaktion war die Bude nicht auf Vordermann zu bringen. Auch nicht mit jeden-Tag-ein-bißchen-hier-und-da-Aufräumerei. Da wären die Unterschiede nicht augenfällig genug gewesen, um sie anzuspornen. Also sollte sie jeden Tag genau einen Quadratmeter freiräumen. Irgendwie. Einsortieren, wegschmeißen, in ein anderes Zimmer packen, völlig egal. Aber die so befreite Zone durfte nie wieder mit irgendwelchem Scheiß vollgestellt werden! Das war die Grundregel.

So sollte die Entmüllung von Sallys Leben vonstattengehen. Und ihres Oberstübchens. Ich war stolz auf meinen Plan.

 

Der sich sich als guter Plan erwies. Jedenfalls für eine Weile. Alle paar Tage radelte ich zu Sally und checkte ihre Fortschritte. Wir besprachen, welche Zonen als Nächstes befreit werden sollten und tranken dazu ein Täßchen Tee.

Nach zwei Wochen sahen Flur und Küche perfekt aus. Zumindest im Vergleich zu vorher. Meine Mutter hätte immer noch einiges zu mäkeln gehabt, aber deren Meinung zählte hier nicht. Wichtig war nur, daß Sally merkte, daß sie eine Chance hatte.

Eines Tages – wir waren eigentlich verabredet – rief sie an und bat um eine Verschiebung unserer nächsten Verabredung.

»Ich fahre nach Berlin. Vielleicht kriege ich da einen Job.«

Das war eine gute Nachricht. Es tat sich was. Obwohl ich daran zweifelte, daß ein Umzug Sally gutgetan hätte. Aber ich war weder ihr Vater noch ihr Vormund, also dachte ich nicht weiter darüber nach.

Drei Tage später bekam ich eine Mail von Sally. »Bin zurück aus Berlin«, schrieb sie. »Ich habe die Liebe meines Lebens kennengelernt. Mike hat zwar eine Freundin und will auch bei ihr bleiben, aber er spricht Klartext, so wie Du. Mike und ich, wir kriegen das hin, in einer offenen Beziehung. Alles wird gut! Und wenn du magst, komm morgen Mittag zu mir. Ich räume jetzt ein bißchen auf!«

Das klang nicht gut, oh nein! Nicht, daß ich ihr keine neue Liebe gegönnt hätte, im Gegenteil. Das verringerte ja die Gefahr weiterer Sexdienste für mich. Aber was sie da beschrieb - »Liebe meines Lebens« - »hat eine Freundin« - das konnte unser mühsam errichtetes Kartenhaus zum Einsturz bringen. Die Liebe, die Liebe - die sogar ausgeglichene Mitmenschen in Wahnsinn und Amoklauf treiben kann!

Voll dunkler Vorahnungen stand ich am kommenden Tag gegen Eins vor ihrer Tür. Sally öffnete, steckte den Kopf durch den Spalt. »Stört es dich, daß ich nackt bin?«

Nippel und blanke Haut störten mich nicht, obwohl ihre Frage mich ahnen ließ, daß was im Busch war. Aber ich dachte, daß ihre frisch entflammte »große Liebe« sie davon abhalten würde, mir an die Wäsche zu gehen.

Ich trat also ein und mußte erst einmal schlucken. Die befreiten Zonen in Flur und Küche existierten nicht mehr. Keine Ahnung, wo sie all den Krempel und Müll her hatte, aber nun stand er eben da und gab mir zu verstehen, daß jeder Widerstand zwecklos war.

»Was ist denn mit deiner Wohnung passiert?«, fragte ich.

»Das weißt du doch!« Sally hüpfte und tänzelte durch den Flur. Ihr Brüste, ihre Schwarten, alles wackelte und tanzte mit. »Die Einbrecher, der Ätzer - ich muß nur eine Minute aus dem Haus sein, und sie greifen an!«

Dann lachte sie und nahm mich in den Arm. »Aber ich habe keine Angst mehr. Weil du mir ja hilfst!«

Sally trat einen Schritt zurück und griff eine Tüte vom Boden. »Deshalb darfst du dir was wünschen. Ich muß es nicht machen, aber ich tu’s bestimmt!« Und klappte vor meiner Nase die Tüte auf und zu. Dieses Spielchen wiederholte sie mit diversen Tüten und Umschlägen. Aufklappen, zuklappen, manchmal steckte sie auch einen Finger oder gleich die ganze Hand hinein.

Alles klar, dachte ich. Aber ohne mich!

Sally lief unterdessen immer mehr zu Hochform auf. Sie rannte in ihr Schlafzimmer und warf sich aufs Bett. Wackelte erneut mit den Brüsten und strampelte mit den Beinen.

»Willst du nicht reinkommen?«, rief sie.

Wollte ich nicht. Ich blieb im Flur und wartete, bis sie wieder aufsprang und zu mir zurückflitzte. Dann plapperte sie drauflos, in einem fort.

»Ich war in Berlin im Swingerclub. Da habe ich Mike kennengelernt. Das mit der Wohnung wird immer besser. Wir schaffen das. Ich muß aber aufpassen, daß die Einbrecher nicht wiederkommen. Als der Ätzer mir das Baby weggetreten hat, hätte ich ihn abstechen sollen. Es ist so schön draußen. Soll ich einen Tee machen? Ich würde gerne mal wieder einen Film bei dir sehen. Vielleicht gehe ich ja nach Berlin, zu Mike. Ein toller Typ. Wir werden ...«

Ich unterbrach sie. »Ich verstehe kein Wort«, sagte ich. »Und deshalb gehe ich jetzt. Vergiß das mit den befreiten Zonen. War Schwachsinn.«

Dann drehte ich mich um, verließ die Wohnung und lief in schnellen Schritten die Treppe hinunter. Das hier war ein Happen zuviel für mich, nein, mindestens fünf!

Der Alten waren definitiv alle Sicherungen durchgebrannt!

 

Am nächsten Tag rief mich Detlev an, Er klang aufgeregt.

»Meine Schwester ist gestern nackt auf der Straße aufgegriffen worden«, sagte er. »Sie ist wieder im UKE. Kannst du dich um ihre Wellensittiche kümmern?«

»Nein, kriege ich nicht hin.« Aus der Nummer kam ich nur mit einer Lüge raus. »Bin die ganze nächste Woche beruflich in Hannover.«

Also kamen die Vögel ins Tierheim.

Leider hatte sich die Sache damit keineswegs erledigt. Was mir einige Tage später klar wurde. Mein Handy klingelte, ich nahm ab.

»Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Einen Moment bitte, ich verbinde!«

Dann war auch schon Sally am Apparat. Und immer noch aufgezogen wie ein Trommeläffchen. »Der Ätzer hat mich in die Klapse zurückbefohlen. Aber ich werde weiterkämpfen. Ich bin auf deine Hilfe angewiesen. Zusammen können wir das Schwein besiegen. Du mußt jetzt unbedingt sofort in meiner Wohnung das Licht einschalten. Nur ganz kurz. Dann schalte es wieder aus, und du kannst gehen. Damit die Einbrecher glauben, daß jemand zuhause ist!«

»Denkst du wirklich, die sitzen den ganzen Tag auf der Lauer und warten auf einen günstigen Moment? Dann hilft Licht-an-Licht-aus auch nichts.«

»Tu es einfach. Das ist wichtig. Du hast doch gesehen, was sie angerichtet haben.«

Es hatte keinen Sinn. Ich sagte ein paar nette Worte, dann beendete ich das Gespräch. Anschließend schrieb ich Sally einen langen Brief. Erklärte ihr, daß sie professionelle Hilfe benötigte und ich ihr nicht weiterhelfen konnte.

War aber für die Katz. Eine Woche später hatte ich sie wieder an der Strippe. »Komm ins UKE!«, bellte sie mir ins Ohr. »Ich werde dir für deine Band Auftritte besorgen, tausend Euro die Show!«

»Ich habe keine Band.«

»Ist doch egal. HOL MICH HIER RAUS! HOL MICH HIER RAUS! HOL MICH HIER RAUS! HOL MICH HIER RAUS!«

Ich legte auf.

Wieder verging ein Monat. Ich dachte an nichts Böses, als mich Sally vor dem Haus abpaßte. Oje, sie war wieder draußen.

»DU HAST MICH IM STICH GELASSEN!«, schrie sie. »WIE DAMALS, ALS DER ÄTZER MEIN LEBEN ZERSTÖRT HAT. DU BIST EIN ARSCHLOCH, WIE ALLE.!«

Vielleicht war ich das. Vielleicht hätte ich sie in der Klapse besuchen müssen. In ihrer Wohnung den Lichtschalter betätigen. Aber ich wollte nur, daß alles ein Ende hatte. Ich ging Richtung S-Bahn und sagte kein Wort, Sally hinter mir her.

»Was kann ich dafür, daß du sexuell frustriert bist?«, rief sie. »Wenn du ficken willst, warum nicht mich?«

Ich biß die Zähne zusammen, stieg in die nächste S-Bahn und fuhr davon. Sally gab auf.

 

Drei Stunden fuhr ich mit der Bahn durch die Stadt, weil ich fürchtete, Sally könnte mir zuhause auflauern. Doch meine Furcht war überflüssig, ich hörte nie wieder von ihr

Ob sie in diesem Moment drinnen oder draußen ist? Keine Ahnung. Ich weiß ja nicht mal, wo ICH bin!

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