Arme Würstchen in der heißen Pfanne

In zwei Stunden kreuzt David, mein ehemaliger Bewohner bei mir auf, dann gibt’s die beste Currywurst der Welt. Genug Zeit, noch ein bißchen im Web den Kriegsverlauf in der Ukraine zu studieren! Das Sterben.

Gut, Putin hat gestern in Moskau ‘ne flotte Party mit Tausenden herangekarrten Jublern gefeiert, schön für ihn. Währenddessen ging im ukrainischen Lyman ebenfalls die Post ab - da landeten Tausende seiner Soldaten im Kessel. Nein, nicht ganz: Ein schmaler Fluchtkorridor blieb offen. Nicht aus humanitären Gründen oder weil’s die ukrainische Armee nicht geschafft hätte, den Sack zuzumachen. Sondern weil sich ein flüchtender Gegner leichter abschlachten läßt; das wußte schon Dschingis Khan. Angeblich ist der besagte Fluchtweg bereits mit Leichen gepflastert. Und es ist noch nicht vorbei.

Da bleibt einem die Currywurst im Halse stecken, bevor sie in der Pfanne bruzzelt. Ich stelle mir vor, als zwangsrekrutierter Soldat in so einem Kessel zu stecken. Keine Chance mich zu verpissen. Keine Chance mich zu ergeben, weil mich dann meine eigenen Leute über den Haufen schießen. Ich hocke im Dreck, denke an den Geruch meiner Frau, daran, wie mein Sohn seine ersten Schritte gemacht hat. Möchte bei meiner Mama sein, daß sie mich noch einmal in die Arme nimmt und beschützt, so wie früher. Warte auf die Kugel, die Granate, die Bombe, die mein Leben zerfetzt. Bin ein armes Würstchen in der heißen Pfanne, no way out. Ich will weinen und kann’s doch nicht, weil ich ein verdammter Soldat bin. Scheiß drauf, ich würde sogar um Gnade betteln, aber wie soll ich das tun? Die auf der anderen Seite sind Lichtjahre entfernt, und eine Drohne führt keine Kapitulationsverhandlungen. Ich verfluche Putin, die Ukrainer, den Westen und Gott. Einer schreit: »Wir müssen hier weg!« Genau: ABHAUEN! Jetzt! Aufstehen und rennen, rennen, rennen …

… zu Kaufland, muß noch Brötchen holen. Zum Tunken. Rein in die blutrote Soße! Ins verwurstete, zerschnippelte Schwein! Ich freue mich schon, und eigentlich freue ich mich auch darüber, daß gerade Hunderte oder auch Tausende Russenschweine bei Lyman geschlachtet werden. Das macht das Schlachten aus mir: Einen coolen Typen, der achselzuckend denkt: So ist der Krieg eben, sie haben’s verdient. Wäre mein Opa in Stalingrad gefallen (er kam raus aus dem Kessel!), wäre das ein bitteres notwendiges Detail gewesen, um die deutsche Mörderbande schneller aus dem Land zu jagen. Es wäre GUT gewesen.

Und doch werde ich nicht froh mit meiner Coolness. Aber auch nicht traurig durch mein Mitgefühl mit den armen Schweinen, die es nun erwischt. Was für ein Glück, zuhause in meiner Schundsammlung wühlen zu dürfen und nicht im ukrainischen Schlamm. Bin keinem ohrenbetäubenden Gefechtslärm ausgesetzt, sondern kann rufen: »Hey Siri, spiel Musik aus meiner Mediathek!«

Und dann kommt als erster Song »Blood Gonna Run« von Linval Thompson …

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