Nr. 66

KAUFLAND, meine Welt

aus »Schlund«, 2018

Mit Cora ging nichts, gar nichts, das hatte ich gründlich verbockt, so viel stand fest. Ich musste sie vergessen, was blieb mir auch anderes übrig?

Also wieder so ein Tag, an dem Hass aus jeder meiner Poren spitzen – mal ganz abgesehen von Augen und Mund und sogar meinem Arschloch. Ich hasste, hasste, hasste und hatte doch keinen blassen Schimmer, wen ich hasste; ich kannte nur die Vorschläge der Irren, wen ich hassen sollte. Der Terror in mir hatte keinen Namen, keinen Schuldigen, dem ich den Schädel einschlagen konnte.

»Hey Siri, wen soll ich hassen?«

»Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.«

Ich wollte wieder mal nur WEG! Nur wohin? Auf die Straße rennen?

»Wo soll ich hingehen?«

»Interessante Frage, Karl!«

Ich war mir sicher, dass Siri die Antwort kannte: Es gab keinen Platz, wo ich »nur so« hingehen konnte! Was sollte ich da draußen? Zu KAUFLAND oder MEDIA MARKT gehen? Stumpf um den Block? Auf den Friedhof, der hier gleich um die Ecke liegt? Laut Cotzbrocken war ein KZ der einzige Ort, wo ich hingehörte.

Lieber zu KAUFLAND. Da musste ich eh hin, was zu futtern holen. Also machte ich mich auf den Weg.

 

Zehn Minuten später stand ich vor dem Supermarkt, der im Abendlicht einem Bunker mehr ähnelte als der Altbau, in dem ich wohnte. Ein unförmiger Mann im Rollstuhl, den Blick verdreht wie im Delirium, hielt mir stumm eine Obdachlosenzeitung entgegen. Neben ihm ein Werbeaufsteller für »Fitness First«, auf dem eine lachende Gewinnerfresse ihren Waschbrettbauch präsentierte. »DAS IST DEINE WELT. MACH MEHR DARAUS«, brüllte der Werbeslogan des Monats.

Danke, ohne mich. Meine Muskeln brachte kein Fitnesscenter in Form, ich hatte es über die Jahre vier- oder fünfmal probiert. Auf die Dauer war der Anblick schwitzender Menschenmassen unerträglich. Der zum Scheitern verurteilte Versuch, im Wettrennen um Schönheit und Leistung in der ersten Reihe zu stehen. Niemals alt und einsam, für immer jung!

Die Automatiktür öffnete sich, hinein ins Einkaufsparadies, wo sich die Unsterblichen nach einer Stunde Quälerei im Fitness-Maschinenpark mit Tiefkühlpizza, Schokolade und Astra Urtyp versorgen konnten.

50 Cent in den Einkaufswagen, ich betrat das Schlachtfeld. Hungrige Panzer rollten durch die Gänge und verglichen Preise. Kein Blickkontakt. Aber auch niemand, der mich ergreifen oder festketten wollte.

Am meisten störte mich an ihnen, dass sie einfach nur hier waren, ohne zu randalieren. Ich erinnerte mich an Tage, an denen ich 30 Minuten hungrig durch KAUFLAND gelaufen war und doch nichts gekauft hatte, weil ich mich nicht entscheiden konnte.

Weiter hinten sah ich Wojinski ein paar Brötchen eintüten. Auf den hatte ich in diesem Moment keinen Bock. Musste aufpassen, ihm nicht über den Weg zu laufen, weil das eh in einem Scheißhausgespräch enden würde.

1 Glas Gewürzgurken von Kühne, 2 Dosen Unox-Gulaschsuppe, 1 Tüte Harry Sandwich Kings.

 

Was war eigentlich aus dem KAUFLAND-Lied geworden? Vor einer Weile noch hatten sie ihre Kunden mehrmals am Tag damit belästigt. Nun war der schleimige Konsumschlager nicht mal mehr auf der KAUFLAND-Website aufzutreiben – bestimmt hatte der Song selbst die Mitarbeiter bis in den Schlaf verfolgt.

Dabei wäre mir eine Wagenladung Sado–Maso gerade recht gekommen, den Tag abzurunden; ich hätte das Stück problemlos mitsingen können:

Stell dir vor, es gibt ein Land

Wo man dich versteht

Offen wär’, kompetent

Wo Kaufen besser geht

Hier werden Wünsche wahr

Ein Stück Geborgenheit

Hier fühlst du dich wohl

Erleb’ die Herzlichkeit

Ein Land, eine Welt

(Schon wieder die verflixte Welt! Ich dachte, die gäb’s nur bei der gleichnamigen Zeitung und bei Fitness First! Würden die eines Tages alle Krieg um das Paradies führen?)

In der der Mensch noch zählt

Ein Lächeln dich gewinnt

Und alle freundlich sind

Ein Land, eine Welt

Verantwortung, die zählt

Als Team sind wir gern da

Wie Freunde dir ganz nah

Freunde. Wie bei Facebook. Die ganze Welt war voller Freunde. Ich erinnerte mich an ein Graffiti, das ich vor Jahrzehnten in Hannover gesehen hatte, gesprüht an eine Hauswand: »Ausländer sind unsere Freunde« – ich hatte also Milliarden Freunde, viel mehr als bei Facebook. Definitiv zu viele für mich. Dabei hatte ich nichts gegen Ausländer. Die meisten Menschen, die ich nicht kannte, waren Ausländer. Ach, alle Menschen!

Ich fühlte mich seit jeher wie ein Fremder in der Fremde. Überall Leute, mit denen ich mich nicht verstand. Damals, in Wuppertal, bestand das mich umgebende Ausland in erster Linie aus Deutschen. Dagegen konnte ich antreten, randalieren, mich wehren. Nun war das schwieriger. Weil man dann als Ausländerfeind galt.

Gut, dass Wojinski nicht wusste, was mir durch den Kopf ging!

Kiri-Frischkäse, Tortellini, Kinderschokolade.

 

So wanderte ich durch den Supermarkt. Ohne Chance, das richtige Leben im falschen zu führen.

Ich konnte nur überleben, wenn ich mich als stiller Komplize der Aliens an ihren Gräueln beteiligte – an Gräueln, die alle ok fanden, weil sie ebenfalls Dreck am Stecken hatten. Hauptsache, man war kein Nazi, Kinderficker, Tierquäler oder Sexist. Ein Vogelfreier, den Leute wie Wojinski ohne großes Federlesen umhauen durften. Wer Nazi war, bestimmten sie, »begründet« mit Absurditäten wie »Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!«. Bei den Nazis gab es sicher einen ähnlichen Slogan über Pädophile, um ihnen ohne Gewissenskonflikte in die Fresse zu treten.

In dieser Selbstjustiz gab es keine Verteidiger, nur das Faustrecht und Urteile ohne Berufung. Hauptsache, was tun!

Rasierklingen, Klopapier, Kitekat für Barbaras Tiger.

In schwarzen Momenten wäre ich gerne ein Pädo-Nazi gewesen, der Männer, Frauen, Kinder, Tiere, Autos vergewaltigt, Hunde zerstückelt und Fotos seiner Taten bei Instagram und Twitter einstellt. Um mich garantiert mit allen anzulegen. Mit dem Lynchmob – das gefiel mir besser, als der geifernden Meute hinterherzulaufen.

Ich hatte mich immer wohler gefühlt, wenn ich außen stehen konnte. Ich misstraute der Masse. Denen, die ihr »Los, alle mitmachen!« jedem aufdrücken wollten. Den lebenden Daumenschrauben und Jägern des schlechten Gewissens. Die wussten, was zu tun war, und die Verwirrten verachteten.

Punk war für mich die Leitkultur der Gestörten. Geschaffen für Gestörte wie mich. Für Versager, Verlierer und Blindgänger, unfähig, das Richtige zu tun. Für Leute, die nicht funktionierten.

»21 Euro 53. Brauchen Sie den Bon?«

Amy Winehouse schreckte mich aus meinen Gedanken. Nicht die echte Amy, aber so hätte sie wohl ausgesehen, wäre sie fünfzig geworden. Die gleichen langen Wangen, die Augenpartie mit Schwung bemalt, die Haare zu einem Beehive hochgesteckt. Doch nun war der Lack ab, meine Lieblingssängerin saß an der KAUFLAND-Kasse, wo ich mittlerweile wie in Trance angekommen war. Die Einkäufe lagen bereits auf dem Laufband, Amy lieferte einen gutgelaunten Auftritt ab.

Vielleicht war es ja gar nicht so schlecht, dass die wahre Amy nur noch im Club 27 sang.

Ihr gealterter Klon spulte brav den Text der Arbeitsbeschreibung ab: »Haben Sie alles gefunden? Sammeln Sie Punkte?«

»Erstens nein und zweitens nein«, sagte ich, zahlte und rollte den Einkaufswagen Richtung Ausgang, überlegte es mir dann aber anders. Fast hätt’ ich’s vergessen!

 

Bei KAUFLAND gab es einen Kiosk, der auch als Postfiliale fungierte. Nur Frauen ab fünfzig arbeiteten in dem Laden. Dort wollte ich einen Brief abgeben, mit Unterlagen für den Steuerberater.

Ich ging rein und legte der Frau am Tresen den frankierten A4-Umschlag direkt vor die Nase. Sie reagierte nicht und widmete sich weiter ihren Abrechnungszetteln. Ich wollte mich schon verabschieden, da schaute sie auf. Ein Blick über den Rand ihrer Brille, ein kritischer.

»Falsch«, sagte sie, nahm den Brief, schritt zwei Meter nach links und legte den Umschlag dort wieder hin.

»Na«, sagte ich. »Eher fast richtig, oder?«

»Nein! Sie hätten Ihren Brief genau hier hinlegen müssen.« Und zeigte auf die Ablage direkt vor ihr. »Hier ist der Postschalter, der Rest ist Kiosk. Nur hier ist richtig. Fast richtig gibt es nicht. Das heißt dann falsch!«

Ich gab auf. »Sie müssen das wissen.«

Immerhin, die Post war raus. Fragen von Recht und Ordnung überließ ich den Profis und Gläubigen. Wegen so was fing ich keinen Streit an.

Auf dem Weg nach Hause freute ich mich, dass ich KAUFLAND als freier Mann verlassen hatte, und stopfte die Kinderschokolade in mich hinein. Das tat gut.

Ich musste wieder an Cora denken. Sollte ich sie anrufen? Nach Augsburg fahren, sie besuchen? Die Olle vom Kiosk hätte gesagt: »Nur Hamburg ist richtig, Augsburg ist falsch!«

Alter, komm mal klar! Kümmere dich HIER um deinen Scheiß und bekomm’ dein Leben auf die Kette! Sonst fällt dir der Himmel auf den Kopf! Oder die Birne EXPLODIERT!

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