Nr. 62

No More Mr. Nice Guy

aus »Schlund«, 2018

Während mein Vater ein Bierchen nach dem anderen zischte, verschlang ich Perry-Rhodan-Hefte im Dutzend. Ich brauchte mehr davon, schließlich waren bereits über 500 Hefte erschienen. Wieder war es Berger, der mir in den Schule den entscheidenden Tipp gab.

»In der Gold-Passage gibt’s doch diesen Second-Hand-Laden. Kennste?«

»Klar. 40 Pfennig pro Heft!«

»Für mich umsonst. Der Eigentümer rennt ständig in den Sex-Shop gegenüber. Und mit ’nem weiten Pullover und flinken Händen geht ’ne Menge!«

Ich hatte einen weiten Pullover, das mit den flinken Händen war auch kein Problem. Einen Perry-Rhodan-Club wollte Berger jedoch nicht mit mir gründen, er war längst auf anderen Pfaden unterwegs.

»Heftromane langweilen«, erklärte er. »Alice Cooper, der schockt richtig!«

 

Ich war zwölf, als ich IHN traf!

Der Herr und Meister, die Krönung meiner Schundhefte: Alice Cooper! Das Bühnenmonster, das Legionen von Eltern bis in den Schlaf verfolgte, sobald sie es erst einmal auf den Posterwänden ihrer Kinder entdeckt hatten. Sie hassten Alice, ich vergötterte ihn.

Anfangs hatte ich Bergers Tipp in Sachen Alice Cooper ignoriert. Die Nummer mit den angemalten Augen fand ich lächerlich. Eine Weile später las ich in der Bravo, dass Alice auf der Bühne Babypuppen in Stücke schlug und sich am Galgen aufknüpfen ließ. Ich wurde neugierig: Das ist ja genauso wie in Dan Shockers Grusel-Krimis!

Als ich Alice Cooper bei Disco in zerfetzten Klamotten über die Mattscheibe taumeln sah, fiel der Groschen. Ich hielt den Atem an: Da war er wieder, dieser Blick in die Wunder-Welt! Aber in einer ganz anderen Liga – hier tummelten sich keine Märchenfiguren, Comichelden und Vampire in Schundheften, sondern Menschen ließen die Puppen tanzen! Alice Cooper samt Band hatten den Dreh gefunden, die Fesseln des ganz normalen Lebens abzustreifen und es in eine schillernde Bühne zu verwandeln. Das wollte ich auch!

Dass Alice soff wie ein Loch, ging in Ordnung. Machte man als Mann anscheinend so. Kein Problem, ich hatte nicht vor, einer zu werden.

Am nächsten Tag kaufte ich mir für fünf Mark »No More Mr. Nice Guy« und damit die erste Single meines Lebens.

Als ich Berger davon erzählte, bestritt der entschieden, jemals was Gutes über Alice Cooper gesagt zu haben. Stattdessen hörte er jetzt Black Sabbath.

 

Eines Nachts stürzte mein Vater im Suff die Treppe einer Fußgängerunterführung hinunter – Oberschenkelhalsbruch!

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus war er für eine Weile ans Bett gefesselt und musste in Urinflaschen pissen, die ich im Klo entleeren durfte. Das blieb mein Job, selbst als er sich wieder in der Wohnung bewegen konnte. Er hatte Gefallen daran gefunden, den Schwanz in die Pissflasche zu stecken und sich im Nullkommanichts zu erleichtern, ohne aufstehen zu müssen. Den Schlafanzug zog er nicht mehr aus, von seinen quittegelben Unterhosen ganz zu schweigen. Und ständig lag ein beißender Geruch von Bierschiss in der Luft.

Ich entschloss mich, den Alten zu erpressen. Es fing mit dem Leergut an, das ab sofort mir gehörte. Und eines Tages machte ich klar, wer Koch und wer Kellner war.

Wieder einmal sollte ich Bier und Kippen holen.

»Keine Lust.«

»Ist doch nicht weit, geht ganz schnell. Nur zwei Flaschen Wicküler …«

»Nö. Meine Hausaufgaben gehen vor.«

Der Alte rang nach Worten, schaute mich nur an. Wartete ein paar Sekunden. Dann fiel er auf die Knie und begann zu weinen.

»Bitte …!«

Scheiße. Dieses Elend wollte ich mir nicht länger ansehen.

»Na gut, ausnahmsweise. Aber nur, wenn du mir die 22 Mark für die neue Alice-Cooper-Platte gibst.« Die hieß »Billion Dollar Babies«, war soeben erschienen und konnte ich mir nicht leisten bei zehn Mark Taschengeld im Monat.

Der Alte erhob sich, sagte nichts und zog mit zittrigen Händen ein paar Scheine aus dem Portemonnaie. Er lächelte wie eine hölzerne Bill-Bo-Puppe. Wer ist dieser Junge?, schien er zu denken.

Ich hatte einen klaren Standpunkt: Hole ich dem Jammerlappen eben sein Bier. Die Platte ist mein, redlich erworben!

Die Scheibe war ein Kracher: grünes Klappcover im Schlangenhautdesign. Riesiger Dollar-Geldschein mit Alice-Motiv, Kärtchen zum Raustrennen. Und Songs, in die ich mich sofort verliebte. Besonders in einen:

»I love the dead before they’re cold

They’re blueing flesh for me to hold

Cadaver eyes upon me see nothing«

Alice ließ sich jetzt auf der Bühne von einer Guillotine KÖPFEN, wie ich in der Bravo las. Das gefiel mir, weil ich meinen Horrorkonsum längst ausgeweitet hatte. Nicht mehr nur Dan Shockers Grusel-Krimi standen auf dem Speiseplan, sondern ebenso Professor Zamorra, Vampir-Horror-Roman, Gespenster-Krimi, Geister-Krimi. Der neue Comic Vampirella, Bücher über die Nazis, Krieg und KZs. Mein morbider Alltag.

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