Nr. 19

Augsburger Ali Shuffle

aus »Reflux«, 2018

Ich war schlank, irgendwie Durchschnitt, und hatte den Plan gefaßt, meine Mettbrötchenration zu verdoppeln, um mich in ein unförmiges, aber auch beeindruckendes Monstrum zu verwandeln.

Die Wampe mußte her, weil in allen Schreibratgebern empfohlen wurde, die eigenen Geschichten mit Zündstoff aller Art anzureichern. Damit da nicht der Durchschnitt regiert, ohne Aussicht auf Entwicklungen zum Schlimmsten, sowas will keiner lesen. Auch ich nicht!

Die Rezeptur schien simpel: Ich mußte mein langweiliges Leben nur in Scheiße wälzen, und schon schrieb sich mein Zeugs wie von selbst! Doch das schien zu billig, um wahr zu sein. So suchte ich weiter die Weltformel.

Ein weiterer erfolgloser Tag lag hinter mir, und nichts deutete darauf hin, wie ich aus dem Schützengraben herauskommen konnte, da half kein Stahlhelm und auch nicht meine Sturmhaube. Ich trug seit einer Woche die selbe Spider-Man-Unterhose, das selbe Hulk-Shirt, die selbe schwarze Jogginghose.

Als die Gier nach Mails, Tweets, Posts und brisanten Nachrichten erneut in mir aufzusteigen begann, half nur eines: Ich mußte den Kopf abschalten, mein Bewußtsein in einen Zustand glotzender Apathie versetzen, mich abschalten!

Ohne Psychopharmaka oder Komasaufen blieb nur der Griff zur Fernbedienung. Die Frage beantworten: Raumschiff Enterprise oder neuer Stoff?

Das fragte ich mich, als ich im Ohrensessel saß. Die Leinwand erstrahlte im Licht des Beamers, und ich hielt bereits die Enterprise-Blu-ray in der Hand. Ich verharrte einen Moment, und plötzlich verlor ich jede Lust, mich an Jugenderinnerungen zu wärmen. Die Blu-ray wanderte zurück ins Regal, und bald darauf lief die erste Folge von Outcast – »Dämonen der Vergangenheit« per Amazon Prime über den Beamer.

Ein Junge, etwa 8 Jahre, kommt ins Bild. Mit feuchten Lippen, aufgerissenen Augen. Er glotzt gegen eine Wand seines Kinderzimmers. Dort hockt auf Holzpaneelen ein braun-orange gemustertes Insekt, ein stattliches Biest. Der Junge starrt und starrt, aber sein Starren hat nichts von dem eingefrorenen Blick nach einem ausgedehnten Fernsehabend. Er ist hochkonzentriert und angespannt, kratzt mit der rechten Hand die linke.

Unversehens prescht der Kopf des Jungen nach vorne und schlägt mit der Gewalt eines Hammers gegen die Wand. Das spärlich beleuchtete Gesicht, jetzt in Nahaufnahme, schiebt sich entlang der zerquetschten Überreste des Insekts hin und her. Der Junge hat sich bei seiner Attacke die Stirn aufgeschlagen, und nun beginnt er mit langer, speichelnasser Zunge den Brei aus Blut und Insektenfleisch abzulecken. Als sich Stimmen nähern, löst sich der Mund von der Wand. Schleimfäden illustrieren die kulinarische Szene. Erinnern an Pizza.

Ich hatte genug gesehen. Kaum zu kontrollierende Unruhe stieg in mir auf. Bis ich schließlich aufsprang, um ein Höllengerät nach dem anderen zum Schweigen zu bringen. Wie ein Musiker auf Speed, der hektisch von einem Instrument zum nächsten hechtet und dabei ein Füllhorn dissonanter Töne produziert.

Nach einer Weile waren die Lichter des Maschinenparks erloschen, und die Leinwand hatte sich an die Decke zurückgezogen. Es herrschte Ruhe - nur nicht in meinem Kopf!

Eine wohlbekannte Stimme begann mich vollzuquatschen: Mit Volldampf gegen die Wand, das kann lustig sein, sagte die Stimme. Ein paar Runden lang. Wer aber jahrelang vollnüchtern die Schnauze gegen Stahlbeton prügelt, sollte sich ein paar Gedanken machen. Muhammad Ali hat einen hohen Preis für das Zerschmettern unzähliger Hirnzellen bezahlt! Von deinem Vater ganz zu schweigen.

Warum also die Blutspuren ablecken, Karl? Drück den roten Knopf! Auf zu Galaxien, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat! Heb’ ab mit Raumschiff Punkerscheiß!

Spring in den Ring!

 

Eine halbe Stunde später: In Hamburg-Bahrenfeld springt ein explodierender Knallfrosch im Karree. Er reckt die Fäuste, stürmt vor und zurück, vollführt die seltsamsten Verrenkungen, rennt rückwärts im Kreis, weicht imaginären Gegnern aus. Dazwischen lockeres Möchtegern-Boxen: Links-Rechts, Jab, Haken, Uppercut! Schweben wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene!

Ich wurde zu einer ungelenken Karikatur Muhammad Alis. Wie als Kind tanzte ich den Ali Shuffle, verschmolzen mit den Figuren der Augsburger Puppenkiste. Wurde zu einem flinken Kämpfer, der an unsichtbaren Fäden zappelt und per Schattenboxen Sieg um Sieg erringt. Zu einer ganzen Blechbüchsenarmee, die den Schlachtruf der Ali-Fans herausschreit – in einer eigenen Version: »Nagel, boma ye!« … Nagel, töte ihn!

So ist das, wenn der Glaube Berge versetzt – ganz in Ali-Tradition, der 1974 beim »Rumble In The Jungle« dank geistiger Überlegenheit den körperlich besser aufgestellten Panzer-Man George Foreman auf die Bretter schickte.

»Hast du gehört, Berger?«, schrie ich. »ICH WERDE GEWINNEN!«

Ich wollte Zuckerberg und der ganzen irren Zivilisation auf die Fresse geben. Scheiß auf Trump, Erdogan, Putin und Merkel! Was kümmerten mich Figuren aus Internet und Fernsehen, wenn es galt, in der realen Welt mein Leben zu retten?

»Ich bin ein Supermann … shama-lama-dingdong!«, sang ich. Mir ging’s prächtig, durch meine Adern floß ein Mix aus Endorphin und Adrenalin, mein ganz persönlicher Drogen-Cocktail. Weil sich dreihundert Tonnen Blei auf den Schultern in Luft aufgelöst hatten. Vor fünf Minuten waren sie im Toilettenschlund gelandet; Schnauze voll und dreimal gespült! Doch noch die Kurve gekriegt! Für die Menschheit ein Fliegenschiß, für mich ein historischer Sieg im Kampf gegen den Terror. Sicher keiner für immer, aber das war mir egal. Heute war ich der Champion!

»Hallo Welt, geh kacken!«, hatte ich anschließend in die Kloschüssel geschrien und gehofft, daß sie als Resonanzraum taugte. Die ganze Nachbarschaft sollte es hören!

Daß ich die Kurve noch längst nicht gekriegt hatte, wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber immerhin, der erste Schritt war getan, mich aus einer Sackgasse zu befreien, die unüberwindbar schien.

 

Es war der verdammte Punk, der mich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hatte und nun durch den Boxring trieb. Er hatte mich bei den Schultern gepackt, gerüttelt und geschüttelt, zuletzt angebrüllt: »Scheiß auf die Regeln, Alter! Zieh die Dinge durch, die du liebst! Und zwar genau so, wie willst! Auch wenn dir alle die Niederlage voraussagen! Hau sie einfach um! Denk an Ali!«

Nee, nicht der Punk der nostalgischen Plattensammler hatte mir einen Arschtritt verpaßt und mich aus meinem selbstmitleidigen Wachkoma erweckt – auch nicht der Punk der verklemmten und ordnungsliebenden PC-Veganer. Nicht der Punk der Bettler in der Fußgängerzone, nicht der Punk von Polit-Haßmasken und Verfassern von Verbotslisten, nicht der aus schlauen Büchern, nicht der gereifte Punk nachdenklicher Ex-Buntköppe aus Talkshows und Theaterbühnen.

Eine schier endlose Liste: kein Altpunk der Familienväter, Nostalgiker, verbitterten, aufgeschwemmten Alkoholiker. Der singenden Fußballfans, Spaßvögel und Karnevalszombies sowieso nicht. Nein, auch nicht der Punk der immergleichen Hauruck-Konzerte, kein gutaussehender, junger Punk in wilder Rebellenpose, kein Golf Punk und bestimmt kein Business Punk. Sondern Mein Punk!

Mein Punk schüttelt mich seit 1981 zuverlässig und zärtlich am Kragen. Zieht mich jedes Mal aus der Scheiße, wenn mir die Jauche bis zum Halse steht.

»Dance the Shuffle!«, schärfte er mir nun ein. In genau dem Moment, als ich befürchtete, daß nichts mehr ging.

Mein Punk verführte mich einmal mehr zum Lachen und Tanzen, während anderen Zeitgenossen Jesus nachts im Bett erschien. Rot Front – Sieg Heil – Halleluja - Amen! Commander Riker, Warp 12 … Energie!

Trotzdem fürchtete ich ihn. Weil er mich wieder einmal nicht ziehen ließ. Mich verfolgte auf Schritt und Tritt. Mit Fragen bombardierte und mir ans Bein schiffte. Er wollte nicht, daß ich zur Ruhe kam, trieb mich seit Jahrzehnten in immer neue Schlachten, die mich mehr und mehr wie einen Idioten erscheinen ließen. War ihm eigentlich klar, daß es nichts Peinlicheres gibt als einen alten Punk? Etwas Peinlicheres als mich? War ich in Wahrheit nur ein Räuber Hotzenplotz, kein Muhammad Ali?

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