Nr. 52

Siebenundsiebzig in Achtundreißig

aus »Schlund«, 2018

Wenn Karl schläft, dann ist das kein entspanntes, süßes Abgleiten ins Limboland. Wohl spürt er die Müdigkeit, aber wenn die Pupillen unter den geschlossenen Augen zu zucken beginnen, dann weiß er, dass wirre Träume auf ihn warten. Die Gedankenordnung beginnt sich in umhertanzende Fragmente aufzu-lösen, die wie gierige Spermien zu einer Hetzjagd durch Raum und Zeit aufbrechen.

Als sich die Splitter und Schlieren zu einem komplettierten Puzzle vereinigen, erkennt Karl ein Gesicht im Spiegel. Müde, wässrige Augen, die von verquollenen Brauen halb verdeckt sind. Ein Labyrinth aus Furchen und Falten, untermauert von einer tief ins Antlitz gegrabenen Affenschnauze. Lefzen, die über die Mundwinkel bis zum Doppelkinn hängen.

Es handelt sich um sein eigenes Gesicht, zweifellos, aber er ist nun ein alter Mann von 77 Jahren.

Karl wendet sich von seinem Spiegelbild ab und schlurft durch das großzügig und stilvoll eingerichtete Loft. An einem ausladenden Panoramafenster bleibt er stehen, die Hände in den Taschen des weißen Bademantels. Schaut aus dem 17. Stockwerk auf die Stadt hinab.

Er ist einsam. Seine Frau Cora lebt seit mittlerweile 13 Jahren nicht mehr. Vierzig ist sie nur geworden, der Brustkrebs hat sie aus dem Leben gerissen. Karl vermisst sie jeden Tag.

Als er Cora in Augsburg auf einem Konzert kennenlernte, hätte er niemals auch nur im Traum erwartet, dass sich die bildhübsche Erbin eines Schokoladenimperiums für ihn interessieren könnte.

Und als Cora dann doch in seinen Armen lag und er mit ihren langen, grünen Haaren spielte, da flüsterte ihm eine wohlbekannte Stimme direkt ins Hirn, dass ihre Liebe ein schreckliches Ende nehmen musste.

Das schreckliche Ende kam, aber anders als befürchtet. Zuerst lösten sich alle finanziellen Probleme in Luft auf und damit Karls Furcht vor einem Alter in Armut, Dreck und Einsamkeit. Und obwohl Cora so viel jünger war als er und aus einer schwerreichen Familie stammte, begriff sie seine dunklen Seiten besser als die Leute, die er seit Jahren kannte. Cora war die Liebe, die man nur einmal im Leben hat.

Die beiden hatten schließlich geheiratet, und Karl zog sich in die Anonymität zurück. Schluss mit der Punkerei auf Bühnen und im Internet; das Programmieren kam ebenfalls auf den Müllhaufen. Er genoss das Leben an der Seite seiner jungen Frau!

Dann starb Cora. Karl stürzte aus Wolkenkuckucksheim direkt hinein ins Höllenfeuer. Als Alleinerbe gehören ihm nun Fabriken, Aktien, Land, Millionenwerte. Alles sein, ohne Cora nichts.

Trotz Geld und Besitz fühlt sich Karl wie ein Niemand. Und einen Weg zurück zum früher heißgeliebten Punk gibt es nicht. Mit 77 Jahren bleibt ihm nur das Leben als griesgrämiger, einsamer Onkel Dagobert, der im Geldspeicher badet und sich lustlos die Taler auf die Glatze prasseln lässt. Punk ist endgültig keine Option mehr.

Während draußen die Welt zerfällt und sich in eine gigantische Kloake verwandelt, brütet der Mann im weißen Bademantel darüber, was war und warum. Ob alles so kommen musste oder er besser anders entschieden hätte. Er zermartert sich den Kopf, hört die unentwegt flüsternden Stimmen.

Ich muss jetzt schlafen, damit sie für eine Weile Ruhe geben, denkt er. Und er träumt. Von anderen Welten, von einem anderen Leben.

 

Karls trauriges, wohlhabendes, altes Ich sieht ein anderes altes Ich. Das trägt keinen weißen Bademantel, sondern einen grauen Rauschebart. Und die antike Nietenjacke, die Karl vor 55 Jahren von Erwin Lindemann erstanden hat, als der dem Punk den Rücken kehrte. Das kam gerade recht, denn die von Berger gestiftete Jacke begann auseinanderzufallen und Ersatz musste her.

Mittlerweile ist auch Lindemanns damaliges Prachtstück sichtbar vom Zahn der Zeit angefressen, der aufgemalte Slogan »Nie wieder Frieden« fast verblichen. Nun dient die Jacke als Teil der Dienstkleidung des bärtigen Opis; er ist Publikumsführer in einem Punk-Museum, ein Dutzend Besucher lauscht andächtig seinen Erzählungen. An den Wänden hängen unzählige Fotos und Poster, in Kisten und Schränken finden sich weitere Archivmaterialien. In Vitrinen sind Punk-Klamotten der 70er, 80er und 90er ausgestellt, darunter auch Karls DESTROY-Shirt, da im Museum den Lebensabend verbringt. Devotionalien und Replicas von Nietenjacken, Stachelhalsbändern und Bondagehosen werden zum Kauf angeboten. Dazwischen Bücherstapel von Punk-Biografien. Auf einem Bildschirm laufen Originalaufnahmen der Chaostage, daneben liegt ein Häufchen Pflastersteine.

»Haben Punks bei den Chaostagen wirklich ein ganzes Einkaufszentrum verwüstet und geplündert?«, fragt ein junger Mann. Ein anderer will wissen, ob in ganz Hannover Fernseher aus dem Fenster flogen, nachdem der bunte Mob die Wohnungen ganz normaler Bürger gestürmt hatte.

Karls Museumspunk-Ich zeigt allen den Stinkefinger.

»Was denkst du denn? Wir haben dutzende Polizistinnen vergewaltigt! Und wenn du nicht aufpasst und weiter dumme Fragen stellst, dann gibt’s was auf die Schnauze!«

Der Meister des Chaos erhebt drohend die Axt – so was gefällt dem Publikum! Eine Prise Nervenkitzel ist Teil des Programms, quasi im Eintrittspreis inbegriffen. Sonst wäre der Besuch im Punk-Museum ja langweilig.

Karl weiß das, und weil er halbwegs anständig bezahlt wird, mimt er den Gruselpunk. Aber abends findet er keinen Schlaf, dreht sich von einer Seite auf die andere. Das Schrankbett im Hinterzimmer des Museums ächzt und knirscht in einem fort. Warum ist die einstmals muntere Achterbahnfahrt so deprimierend gegen die Wand gefahren? Mit einer anständigen Rente müsste er sich nicht zum Affen machen. Wenn er wenigstens den elendigen Punk kompromisslos bis zum Ende durchgezogen hätte! An welcher Abfahrt meines Lebens bin ich falsch abgebogen?

Als er nach zwei unruhigen Stunden doch einschläft, quälen ihn wie jede Nacht Träume.

 

Das Bett wird zur Müllkippe. Ein neuer, alter Karl hat sein Zelt inmitten von Unrat und Abfall aufgeschlagen. Das ist seine Wohnung, sein Heim. Er ist tief gesunken, während eine Handvoll anderer Höllenbewohner immerhin noch Bauwagen besitzen, die sie am Rand der Deponie abgestellt haben.

Mit einem Stock wühlt Karl im Dreck und angelt nach einer viertelstündigen Exkursion durch den Unrat eine verschlammte Orange aus zertrümmerten Holzkisten. Säubert sie in einen Eimer Wasser, um die Frucht schließlich an seinem löchrigen Bad-Brains-Shirt abzutrocknen.

Nachdem Karl die Orange mit einem Messer geschält und in einzelne Stücke zerschnitten hat, landen diese in seinem Mund. Die wenigen verbliebenen Zähne mahlen langsam und sachte. Karl weiß die Delikatesse zu schätzen, sowas bekommt ein Penner wie er nicht oft in die Finger.

Dass er einmal auf einer Müllkippe enden würde, hätte sich Karl mit zweiundzwanzig nicht vorstellen können. Damals war er zu allem entschlossen, unbesiegbar, unsterblich. Doch den Hass auf Arbeit und Mitmachen ist er sein Leben lang nicht losgeworden, und wenn er auf die eine oder andere Weise an Kohle kam, hat er die in Bands, Comics und Abenteuern verbrannt. Nur nicht an Morgen denken, an die Zukunft, so die Devise, Pank bis zum Untergank.

Manchmal stellt er sich ein angenehmeres, froheres Leben vor. Mit Cora an seiner Seite. An sie hat er sich damals nicht herangetraut, sie war so jung und so reich. Karl weiß, dass es ebenso ein Fehler war, vor einigen Jahren den Job im Punk-Museum abzulehnen. Meine letzte Chance.

Wenn er zumindest wie viele andere ein Buch über sein Leben geschrieben hätte! Dann könnte er jetzt den Löffel abgeben, und trotzdem würde etwas bleiben. Die Welt würde Karl Nagel nicht vergessen.

Er greift an die Rückseite seines Oberarms, wo eine Tätowierung lauert, mit der er dem Spuk sofort ein Ende machen kann.

2033 haben sie allen armen Schluckern ab sechzig eine achtstellige Zahl eintätowiert, dazu ein winzigkleines Implantat in die Schädeldecke geschossen. Eine fixe Prozedur, Massenpräparierung von Millionen per Hi-Tech in wenigen Tagen. Die gesetzliche Grundlage hatte die Weise Volksmutter ins Parlament eingebracht, wo die Regelung ohne Gegenstimme beschlossen wurde. Minutenlang bejubelten die Abgeordneten »Unsere Antwort auf Überalterung: Toleranz und Haltung!«.

Dem Heer verarmter, obdachloser Greise sollte ein sanfter Weg geebnet werden, die beschämende Existenz radikal abkürzen zu können. Aus eigenem Entschluss. Dazu reicht es, die eintätowierte Zahl rückwärts zu denken, und – puff! – gehen die Lichter aus! Das Leid hat ein Ende, der Biotechnik sei’s gedankt!

Karl weiß, was von dieser »Mildtätigkeit« zu halten ist. Aber heute hat er zum ersten Mal in seinem Leben die Schnauze gestrichen voll. Er mag nicht mehr verpassten Möglichkeiten nachtrauern. Das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, muss aufhören. Karl will sich nicht mehr wie ein Insekt in Zeitlupe zerquetschen lassen. Es ist Zeit, den Stecker zu ziehen. Zeit zu kapitulieren.

Karl hebt den rechten Arm und senkt den Kopf so weit, dass er die Ziffern erkennen kann. Liest 7-2-9-7-1-8-3 … brüllt »Danke, Volksmutter«, denkt die Eins.

Im Schädel explodiert ein Feuerwerk himmlischer Schönheit. Hunderte Raketen fliegen in alle Richtungen, zerplatzen in gigantischen Blüten, die nach und nach absterben.

Bis alles schwarz ist.

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