Nr. 15

Spanner

Ich erhalte E-Mails und Anrufe, da weiß ich schon nach wenigen Worten, wie es weitergeht, die Leute kommen mir ständig auf die gleiche Weise:

 

»Ich studiere Soziologie, und für meinen Bachelor suche ich …«, »Im Unterricht machen wir gerade Randgruppen, also auch Punks, und ich hätte da ein paar Fragen …«, »Für eine Ausstellung benötigen wir druckreife Punkfotos, und es wäre klasse, wenn Du …«, »Ich produziere für den Sender XYZ eine Dokumentation, und da bräuchte ich ein paar Infos und O-Töne …«, immer die gleichen Textbausteine.

 

Manche wollen sich mit mir über lange vergangene Punk-Zeiten unterhalten, weil sie erwarten, daß sie das voranbringt. Sie halten mich für eine dicke Nummer, einen »Zeitzeugen« oder »Urgestein«, jemanden, der dabei war, als Sid Vicious sich den Golden Schuß setzte oder in Hannover Punks Polizistinnen vergewaltigten.

 

Sie suchen Antworten auf Fragen, die ihnen nach reiflichem Nachdenken auf ihren Notizblock purzeln, während sie ihrem mentalen Ohrensessel vollfurzen und Halbverdautes im Darm rotiert.

 

Ich frage mich, warum sie auch nur eine Sekunde damit verschwenden. Ödet sie ihr eigenes Leben an, ihr Job, die Alte, der Stecher, die Kinder? Warum wollen sie verstehen, was man nur verstehen kann, wenn man bereit ist, die eigene Bude anzuzünden?

 

Aber vielleicht wollen sie gar nichts verstehen, sondern ein paar vorgestanzte Sätze, die gut in ihren Text, ihre Ausstellung oder Sendung passen. Von irgendeiner Figur, die vorgestern Spuren hinterlassen hat. Damit sie die lästige Aufgabe von der Backe kriegen, die Arbeit, die man als Journalist und Mediensklave machen muß, um die Miete zu bezahlen. Andere sind darauf aus, eine gute Note kassieren, ein paar Streicheleinheiten, Lob vom Vorgesetzten, vom Publikum, ich weiß es nicht.

 

Und wenn ich ihnen dann sage oder schreibe, daß ich keine Antwort auf ihre Fragen weiß – oder es mich nicht kümmert, Wissenschaft, Kunst oder Medienöffentlichkeit voranzubringen, dann vermuten sie, daß ich etwas vertuschen oder verschleiern oder verheimlichen will, irgendwelche delikaten Geschichten und Hintergründe, die nur ich kenne. Oder daß ich ein arrogantes Arschloch bin, genau das! Und im schlimmsten Fall kaputt, am Ende, ein Schatten.

 

Was sie nicht wissen: Ich habe bis heute nicht begriffen, was ich mit Punk und Punk mit mir getan habe, was wir getan haben, jeden Tag fallen mir unterschiedliche Antworten ein. Manchmal denke ich, wir waren ein Haufen Idioten, die mit Vollgas gegen die Wand gelaufen sind, und an anderen Tagen gefällt mir genau das.

 

Aber immerhin, wir haben einiges ausprobiert, während andere bis heute glauben, irgendjemand könnte ihnen die fertigen, richtigen, zitierbaren Antworten frei Haus liefern. Ohne Erschütterungen, ohne Gefahr für Leib und Leben. Das geht am besten, wenn man aus sicherer Distanz mit Pyromanen von DAMALS redet, weil man bei denen nicht befürchten muß, daß sie einem HEUTE das Leben durcheinanderbringen.

 

Ich gieße mir eine Tasse Tee ein und schaue aus dem Fenster. Nichts los da draußen. Keine Chinesen, Islamisten oder Nazis unterwegs, die die Welt aus den Angeln heben wollen. Kein bißchen Krawall, nicht mal ein Unfall, nur graues Scheißwetter.

 

Ich bin ein Nichts, ein Niemand, keiner klingelt an meiner Tür, liefert ohne Kohle ’ne klasse Show oder will mir den Arsch abwischen.

 

Alles muß man selbst machen.

 

Ganz normal, so wie früher.

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