Die schwarze Weihnachts-Fliegenfalle

Mit einem Weihnachtskalender kann mich keiner kriegen.

Vor über 40 Jahren habe ich zum letzten Mal einen freiwillig gekauft. So eine riesige, flache Pappschachtel, drinnen Plastik, darin eingebettet Süßkram oder Spielzeug. Die Machart hat sich über Jahrzehnte nicht geändert, wenngleich heutzutage manchmal nackte Männer oder Frauen aufgedruckt sind oder sich hinter den Türchen Präservative verbergen.

Ich schenke keinem der Hunderte und Tausende Weihnachtskalender Beachtung, wenn sie sich mir zuverlässig ab Oktober im Supermarkt in Türmen und Stapeln entgegenrecken und um Aufmerksamkeit betteln. Jedes Stück Käse, jeder Apfel und jede Scheibe Brot bedeuten mir mehr.

In manchen Jahren kam ich trotzdem nicht daran vorbei. Damals, als meine Ex mir Jahr für Jahr einen Weihnachtskalender auf den Küchentisch legte. Oder - schlimmer - wenn sie mich beauftragte, im Supermarkt gleich drei verschiedene für die ganze Familie zu besorgen.

Seit unserer Trennung ist mein Leben wieder kalenderfrei, und ich vermisse die Papp-Plastik-Monster nicht - genausowenig wie den überteuerten Müll, den sie aus 25 Türchen ausspucken.

Bis es mich dann vorgestern doch erwischte.

 

Ich wandere also durch KAUFLAND, den Einkaufswagen vollgepackt mit tollen Sachen, die das Leben schöner machen. Dann komme ich am Kalenderstapel vorbei. Ein schwarzes Objekt weckt meine Aufmerksamkeit. Speziell das Gekritzel darauf, gekrönt von der Aufschrift GRAUSIGE WEIHNACHTEN, zieht mir die Augenbrauen hoch. Ich greife mir einen, mein Blick wandert über das Gekrakel. Ganz unten steht CHRISTMAS SUCKS, oben entdecke ich eine Puppe, die am Galgen hängt. Auf der Rückseite geht’s weiter: SCHLUSS MIT DER EWIGEN GEFÜHLSDUSELEI, gefolgt von einem Wortschwall, der endet mit: MIT BRUTAL EHRLICHEN ANSAGEN. FÜR DICH, DEIN FREUNDESPACK UND DEINE BUCKLIGE VERWANDTSCHAFT. Gefüllt ist der Kalender mit »Pechkeksen«, sie lassen nichts aus. Sieben Euro fünfundneunzig soll die Schachtel kosten.

Ich bin begeistert. Und schaue mich um, verdammt, was macht so eine schwarze Perle bei KAUFLAND? Sind die jetzt von allen guten Geistern verlassen? Wie sagen all die Familiendaddys und -muttis ihren Blagen, wenn die mit so einem schwarzen Überraschungspaket angerannt kommen und es HABEN wollen?

Ok, ich kauf’s! Das muß unterstützt werden. Zumal es ein Hamburger Produkt ist, wie ich im Kleingedruckten entdecke. Das im Dunkeln leuchten soll - kann doch in einer Energiekrise nur von Vorteil sein, oder? Ob die Pechkekse überhaupt schmecken, daran verschwende ich keinen Gedanken. Weil’s mir egal ist.

 

Stolz wie Oskar trug ich meine Beute nach Hause, von der Überzeugung getragen, etwas BESONDERES entdeckt zu haben. Etwas NEUES. Den Beweis, das mit ein bißchen Hirnschmalz und Andersrum-Gefühl sogar ein bescheuertes Produkt zu retten ist. Es gibt nichts Gutes außer man tut es und so.

Ich erwog, mich bei den Machern zu bedanken für ihren einzigartigen Kalender. Ist bestimmt ‘ne kleine Bude, die freuen sich hundertpro über jedes Bißchen Anerkennung. Ha, für DIE würde ich sogar werben! In meinem Blog drüber schreiben! Ein Video drehen!

 

Aber doch mal schnell mal googeln, was andere über die Pechkekse schreiben. Wenn überhaupt. Wer läßt sich denn im Web über Weihnachtskalender und Kleingebäck aus, produziert von einer Hinterhoffirma?

Na, alle. Bei Amazon gibt’s ne »Pechkeks Designbox mit 13 Stück«, aha. Und 2020 wurde bereits ein TV-Spot ausgestrahlt. Ich könnte ein Pechkeks-Frühstücksbrett kaufen, eine Kaffeetasse, Bettwäsche, Rotzlappen, Kissen, Servietten, Fußmatten und sogar Pflaster.

Ich finde ein Interview mit Andreas Pohl, dem Unternehmensgründer und muß festellen, daß alles so ist wie alles immer ist. »Die Produkte sind als edle Designprodukte ausgelegt« erfahre ich, ich lese Pitch, Businessplan, Investorenrunde, Marktforschung, Wachstum, neue Invesitionsphase.

 

Das ist alles ok. Ich erwarte nicht, daß Kaufen und Verkaufen anders funktioniert, wie sollte es auch? Aber die gute Laune und auch meine neuentdeckte Naivität waren spätestens in dem Moment weg, als ich las, daß die Kekse bereits seit 8 Jahren auf dem Markt sind - mindestens! Es handle sich um ein »Hamburger Kultprodukt«, und keiner hat’s mir in all den Jahren gesagt. Ich war mal wieder verdammt spät dran, wie schon so oft, es scheint mein Kharma zu sein.

Und jetzt ist mir überhaupt nicht mehr egal, ob meine Pechkekse lecker sind oder nicht. WEHE, sie sind’s nicht - ich werde mich bei KAUFLAND beschweren!

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